Interviews

Ein Portrait des Dichters Marko Pogačar

Von Friederike Jacob
www.novinki.de

"Sein Erstling belebte mit seiner Gegenwärtigkeit, seinem eindrucksvollen Eklektizismus aus Alltäglichem und Ewigem, aus Geschichte und Gegenwart, und seiner expressiven Sprache die kroatische Lyrikszene. Pogačar stand, wie einer seiner Rezensenten schrieb, 'mit den Füßen auf der Erde und hielt den Kopf ins Weltall'."



Sobald die Kamera auf Marko Pogačar gerichtet ist, tränen seine Augen. Der junge kroatische Dichter ist höflich, will dem Fotografen die Arbeit erleichtern. Und reißt die Augen auf, bis sie vor Anstrengung weinen. Dabei wird Pogačar, seit er mit 23 seinen ersten Gedichtband veröffentlicht hat, häufig fotografiert. Mit Pijavice nad Santa cruzom 2006 (Wirbelstürme über Santa Cruz) gelang ihm nämlich, was Lyrikern heute selten gelingt: Sein Gedichtband wurde gelesen, und das nicht nur von eingefleischten Lyrikfreunden; sogar eine zweite, elektronische Auflage wurde im Jahr 2009 hergestellt.
Sein Erstling belebte mit seiner Gegenwärtigkeit, seinem eindrucksvollen Eklektizismus aus Alltäglichem und Ewigem, aus Geschichte und Gegenwart, und seiner expressiven Sprache die kroatische Lyrikszene. Pogačar stand, wie einer seiner Rezensenten schrieb, „mit den Füßen auf der Erde und hielt den Kopf ins Weltall“. Und er kam damit gut an. 2007 erschien sein zweiter Gedichtband, Poslanice običnim ljudima (Sendschreiben an gewöhnliche Menschen), im Jahr 2009 folgte Predmeti (Gegenstände), und Marko Pogačar wurde zu einer wichtigen Größe im überschaubaren kroatischen Literaturbetrieb.

Der frühe Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, eine Selbstinszenierung als poetisches Wunderkind interessiert den jungen Mann nicht. Er ist neugierig und unbekümmert und er dichtet einfach, weil er sich dabei glücklich und stark fühlt. Meistens jedenfalls. Nur manchmal denkt er, dass Harold Bloom doch Recht hatte, als er die Angst zu einer Wesensart des Schreibens erklärte. Zwar fühlt Pogačar nicht das Auge der Vorväter skeptisch auf sich ruhen, das wäre ihm zu prätentiös, aber er weiß sehr genau, was er von seinen Gedichten erwartet und das fordert ihn beständig heraus. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei der Sprache und den Experimenten an ihr. Er hat früher viel Musik gemacht und eine ausgeprägte Sensibilität für den Klang und die natürliche Rhythmik seiner Sprache entwickelt. Er lässt die Sprache ihrem eigenen Rhythmus folgen, verstärkt ihn, häuft tiefe Vokale und Zischlaute und erkennt weder Vers- noch Gedichtenden an. Aber er versucht sich nicht an radikalen, formalen Sprachpoetiken, er überlässt sich, sprachlich wie thematisch, den Unendlichkeiten von Sprache und Bildern, seine Gedichte fließen wie dunkler Espresso.

Meine Sprache ist eine dunkle

fleischige Faust,
ein Korb voller Fingernägel, die Brücke,

die ich betrete wie einen neuen
Frühling, die Volksverteidigung,

ich bringe Schafe und Risse in sie ein,
aus ihr fließt nichts,

nichts strudelt. meine Sprache ist Mekka,
die fleischige Faust, Macchia,

ein Gewächs, das sich selbst entzündet.
etwas, ein Penis, erhebt sich und brennt aus,

spricht sich aus, jemand steht auf,
öffnet die Fenster, die Zeitung, sagt

guten Tag, der Tag ist schön; meine Sprache,
das Pollenfieber, die Kleidung der jungen Garbo.

die Sprache, Hommage an die Achtziger,
Grillrost, wildes Präsens und Perfekt.

in ihr lebt ein Boxkampf & singt mich,
schwarze Katharer schleppen sich auf meiner Spur,

die Sprache, der Lastwagen, den ich trage. oh,
mein kroatisches Wort! du Gulaschsuppe, die ich

zufällig koche, du Frosch, Bienenstachel im Mund,
der mich zu allem antreibt;

aus dir tropft Mexiko, in dich kehre ich ein wie in ein
liebgewonnenes Café, in eine Spende, light & dust,

dir, meinem Bruder, und Moses sage ich, du bist mein,
eine Maschine, aus der dunkler Espresso fließt, Traum

Pogačar adaptiert seine Sprache auch in seinen Lesungen dem freien Fließen seiner Gedichte an. Er liest nicht einfach, er rappt fast, schnell, atemlos jagt er der Bewegung seiner Gedichte hinterher. Er ist, wie er 2011 in dem Vorwort zu seiner Anthologie Jer mi smo mnogi (Denn wir sind viele) schreibt, besessen von der Sprache, der Lyrik, der Literatur überhaupt.
Nach dem Schulabschluss in seiner Heimatstadt Split ist Pogačar nach Zagreb gekommen, hat Komparatistik und Geschichte studiert und mischt seitdem in allen Bereichen des Zagreber Literaturbetriebs mit. Er schreibt Kritiken für die renommierten Zeitschriften Zarez und Quorum, arbeitet als Lektor für den Verlag V.B.Z. und ist jüngst für die erwähnte Sammlung kroatischer Gegenwartslyrik erstmals als Herausgeber aufgetreten. Während des Studiums hat er sich an Lyrikübersetzungen aus dem Englischen und Amerikanischen versucht, nicht professionell, eher aus Probierlaune, und ist noch heute beschämt, weil er seither in allen biografischen Notizen  zum Übersetzer gemacht wird.
Pogačars Umtriebigkeit hat einerseits finanzielle Gründe. Von der Lyrik, dieser letzten wahrhaft „antikapitalistischen Bastion“ allein kann man nicht leben. Schon gar nicht in Kroatien mit seinen knapp viereinhalb Millionen Einwohnern, wo eine Gedichtsammlung als erfolgreich gilt, wenn sich 500 Exemplare verkaufen. Die meisten Akteure der kroatischen Literaturszene bedienen deshalb mehrere Bereiche, sind zugleich Kritiker und Autoren, Verleger und Lektoren. So hat Pogačars literarisches Tausendsassatum fast schon Tradition. Der eigentliche Grund dafür ist aber seine Besessenheit. Seine Begeisterung für die Literatur beschränkt sich nicht auf das gute Gefühl, das ihn beim Dichten erfasst. Neue Themen und Schreibweisen reizen ihn, er ist ein „hingebungsvoller Leser“ und verfolgt die Entwicklungen der Gegenwartsliteratur aufmerksam. Seine Begeisterung ist dabei nicht wahllos. Er nimmt die Literatur ernst, ernster als den Markt, der an ihr hängt, und fürchtet sich nicht, Leute durch seine Rezensionen oder durch seine Selektion als Herausgeber vor den Kopf zu stoßen. Dass das manchmal zu Missstimmungen führt, nimmt er hin, denn er profitiert auch als Dichter von seiner Mehrfachrolle.
Der geübte Blick des Kritikers und des Literaturwissenschaftlers in ihm hemmen Pogačar nämlich nicht. Im Gegenteil: Da er sich eh nicht als impulsiv schaffenden, mystisch inspirierten Künstler wahrnimmt, findet er es beruhigend, dass ihn sein Wissen über die Literatur vor den gröbsten Anfällen von Dilettantismus bewahrt. Und zugleich ermöglicht es ihm, Neues auszuprobieren. Nachdem sein aktueller Band Predmeti in den Läden stand, war Pogačar klar, dass er sich nun Zeit nehmen musste, um eine unverbrauchte Stimme zu entwickeln, literarisches Neuland zu betreten. Noch mal nach dem gleichen, wenn auch bewährten Rezept zu kochen, hätte ihn gelangweilt.
Neben dem Sprachmaterial fordert ihn auch das Spiel mit der Stimme des lyrischen Ichs, mit Genretraditionen und Rezeptionserwartungen heraus. Für den Zyklus Poslanice običnim ljudima hatte er mit der biblischen Form des Sendschreibens gespielt, nach Predmeti wagte er sich erstmals an Prosaformen:

„Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich durch meine Gedichte schon irgendwie vorbereitet sei, dass es mir leichtfallen würde, Prosa zu schreiben, schließlich fing ich nicht bei null an. Aber es war etwas ganz anderes.“

Der erprobte Lyriker stieß auf den Widerstand der neuen Gattung, biss sich durch und machte die Kurzgeschichte zu seinem ersten Prosagenre. Vielleicht, weil sie in ihrer dichten Komposition der Lyrik nahesteht, jedenfalls konnte Pogačar an ihr auf kleinem Raum verschiedenste Stile und Erzählmodi ausprobieren. Das Ergebnis seiner Prosa-Bemühungen hat er vor wenigen Tagen seinem Lektor im Zagreber Verlagshaus Algoritam geschickt, der die Herausgabe von Bog neće pomoći (Gott wird nicht helfen) gerade vorbereitet. Jetzt fühlt sich Pogačar bereit für seinen nächsten Gedichtband und nutzt seinen Aufenthalt am Literarischen Colloquium Berlin dazu, an ihm zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren ist er ständig gereist, von einem Poesiefestival zum anderen, hat Residenzprogramme wahrgenommen und private Reisen drangehängt. Dank der zunehmenden internationalen Wahrnehmung seiner Werke und ihrer Übersetzung in über zwanzig Sprachen kann er seiner Abenteuerlust nachgehen, mal hier, mal dort Zeit verbringen.
Sogar in Neukölln, wo wir uns zum Kaffee verabredet haben, hat er eine Weile gelebt. Aber nicht, um an der deutschen Ausgabe seiner Gedichte mitzuarbeiten. In seiner Besessenheit stellt Pogačar nicht nur an sich hohe Ansprüche, sondern auch an die Qualität der Übersetzungen seiner Gedichte. Mit den englischen und französischen Fassungen hat er sich nie anfreunden können, den makedonischen Dichter, der seine Gedichte übertragen hat, trieb er bis zur Weißglut. Deutsch spricht er nicht, deswegen hat er die Übertragung ins Deutsche Alida Bremer anvertraut – und war fast froh, die Verantwortung einmal abgeben zu müssen. Nur die Auswahl für die Sammlung An die verlorenen Hälften, die 2010 in der Edition Korrespondenzen verlegt worden ist, hat er selbst getroffen, sie umfasst Gedichte aus all seinen bisher veröffentlichten Werken.
In Deutschland ist Marko Pogačar trotz dieser Veröffentlichung noch ein unbeschriebenes Blatt. Doch lange wird man sich der Intensität und Glaubwürdigkeit seines Œuvres nicht mehr verwehren können. Denn wann hat man hier zuletzt einen Dichter gesehen, der sein Herz in der Tasche seiner Gedichte anbietet?

 

Ausgewählte Publikationen:
Pijavice nad Santa Cruzom. Zagreb 2006.
Poslanice običnim ljudima. Zagreb 2007.
Predmeti. Zagreb 2009.
An die verlorenen Hälften. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer Wien 2010.

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Quelle: http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Pogacar.html

(Foto von Nives Gajdobranski)

 

 

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