Panorama

A. Bremer: Über die erste Ausgabe von Beton International

BETON INTERNATIONAL

Spezialthema: Was bedeutet das Attentat von Sarajevo für Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa im Jahr 2014?



Die Vorgeschichte dieser ersten Ausgabe von BETON INTERNATIONAL ist einfach: Entgegen allen ungünstigen realpolitischen, ideologischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten, in denen die Länder Südosteuropas stecken, gibt es unter den SchriftstellerInnen, PhilosophInnen, SoziologInnen, FeministInnen, gesellschaftlichen AktivistInnen und vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern unzählige Initiativen und Projekte, die auf Begegnungen ausgerichtet sind und die engen nationalen Rahmen durch ständige Grenzüberschreitungen unterwandern – in der Hoffnung auf bessere und gerechtere Gesellschaften. Diese Durchlässigkeit bezieht sich natürlich nicht nur auf die Grenzen dieser Länder untereinander, sondern auch auf die Grenzen zwischen ihnen und anderen europäischen Ländern. BETON INTERNATIONAL ist Produkt einer derartigen Initiative.

In Serbien erscheint seit 2006 eine Beilage der Tageszeitung „Danas“, die sich unter dem bewusst an Thomas Bernhard erinnernden Namen BETON einer Auseinandersetzung mit den kulturellen Grundlagen des politischen Geschehens im Land widmet. Am Anfang ein Produkt des Enthusiasmus von vier kritischen Geistern, wurde sie zunehmend zu einer wichtigen Stimme, die weit über die Grenzen Serbiens hinaus im ganzen Gebiet des ehemaligen Jugoslawien vernommen wurde.
Ich erfuhr von BETON zum ersten Mal über Kruno Lokotar, einen kroatischen Verlagslektor, der bekannt dafür ist, dass er im ganzen Kulturraum des ehemaligen Jugoslawien zuverlässig neue literarische Talente aufspürt und ihnen zu ersten Büchern verhilft. Seitdem verbindet mich mit Saša Ilić – einer der Gründer von BETON und meines Erachtens einer der wichtigsten serbischen Autoren der mittleren Generation – neben einer Freundschaft auch eine fruchtbare Zusammenarbeit.
Wir diskutierten über die Notwendigkeit einer Analyse der öffentlichen Diskurse in unseren Herkunftsländern und die dringende Notwendigkeit von Toleranz und Empathie, die nicht nur bei den Völkern Südosteuropas an Bedeutung zu verlieren scheinen. Wir waren uns einig, dass kritische Stimmen aus Südosteuropa in anderen europäischen Ländern wenig vernommen werden bzw. dass sie häufig in bestimmte Muster gepresst werden, wobei die Autorinnen und Autoren aus diesem unruhigen Gebiet unserer Meinung nach viel zu sagen hätten, was auch für andere Europäer von Interesse sein könnte. Zugleich wird in den europäischen Diskursen die balkanische Komplexität überbetont, so als wären die gesellschaftlichen Prozesse in diesem Gebiet etwas vollständig Fremdes und Exotisches – und nicht etwas durch und durch Europäisches, wenn auch die Entwicklungen nicht immer synchron mit denen in anderen – vor allem den wohlhabenderen – Ländern Europas verlaufen. Wir wollten etwas unternehmen, damit es zu einem verstärkten Austausch zwischen Autorinnen und Autoren gesellschaftskritischer Orientierung kommt – in einem Europa, das zumindest beim Austausch von Gedanken ein Europa ohne Grenzen sein sollte.
Mit Hilfe des Netzwerks TRADUKI wurden daraufhin die Redaktionsmitglieder von BETON zu regelmäßigen Gästen in dem von TRADUKI geförderten Programm „Fokus Südosteuropa“ auf der Leipziger Buchmesse, das ich seit 2008 kuratiere. Vor vier Jahren unterstützte das Netzwerk TRADUKI zum ersten Mal eine deutschsprachige Ausgabe von BETON, in der zur Leipziger Buchmesse 2010 eine Auswahl der wichtigsten BETON-Texte seit 2006 veröffentlicht wurde. Im Rahmen des „Fokus Südosteuropa“ 2010 begegneten sich auch der kosovo-albanische Autor Jeton Neziraj und Saša Ilić, und aus dieser Begegnung entstanden gemeinsame Projekte. Im Jahr 2011 überraschte BETON – weiterhin mit Hilfe von TRADUKI – mit einer Nummer, in der sich junge kosovoalbanische und serbische SchriftstellerInnen gemeinsam in deutscher Sprache vorstellten. Im Jahr 2012 widmete sich die deutschsprachige Ausgabe von BETON dann dem Thema „Krise“ und befragte dazu vor allem slowenische Autorinnen und Autoren, und im Jahr 2013 hieß die Fragestellung: „Welche Ideen wirken in Südosteuropa subversiv?“, wobei Subversion gegen engstirnige nationalistische Ideologien und gegen die Verbreitung von Korruption und Misswirtschaft in Südosteuropa gemeint war. In dieser Ausgabe ging es auch um (subversive) Wege aus der weltweiten Krise, da die wachsenden Unterschiede zwischen Reich und Arm nicht nur ein Problem der postsozialistischen Gesellschaften sind.
Da Saša Ilić und ich bei der Erstellung der deutschsprachigen Ausgaben von Anfang an eng zusammenarbeiteten, entschlossen wir uns Ende Dezember 2013 – nachdem die ursprüngliche BETON-Redaktion in Belgrad auseinandergegangen war – BETON INTERNATIONAL zu gründen. Mit dem neuen Namen sollen unserer Verbundenheit mit der ursprünglichen Zeitung und unserer Absicht, international sichtbarer zu werden, Ausdruck verliehen werden. Wir waren uns einig, dass die Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa mehr Vernetzung mit anderen Europäern benötigen, um nicht in ihrer südlichen geographischen Ecke isoliert zu bleiben, die dazu mit vielen Vorurteilen und Stereotypen belegt ist.
Nicht auf der Suche nach einem Konsensus, sondern auf der Suche nach Mehrstimmigkeit entschlossen wir uns, die erste Nummer von BETON INTERNATIONAL einem in Südosteuropa hochumstrittenen, hochsymbolischen und hochaktuellen Thema zu widmen: dem Attentat von Sarajevo.
Ironischerweise entpuppen sich die scheinbar rückständigen Südosteuropäer bisweilen als eine Art negativer europäischer Avantgarde. Das Attentat von Sarajevo aus dem Jahr 1914 war ein Ausdruck lokal brodelnder machtpolitischer, militärischer, klerikaler, sozialdemokratischer, modernistischer, revolutionärer und revolutionär-romantischer, sozial- und national-emanzipatorischer und nationalistischer Ideen und Kräfte sowie des Bestrebens nach einer neuen geopolitischen Ordnung. Von träumenden Gymnasiasten und gewaltverherrlichenden Dichtern über fortschrittliche Denker bis hin zu Reaktionären, von hungrigen Bauern und Arbeitern bis hin zu hinterlistigen Geheimpolizisten und dem gestärkten und siegessicheren Militärapparat – alles, was man in Südosteuropa vor dem Attentat auf allen Seiten antreffen konnte, war auch im restlichen Europa vorhanden. Dass sich am blutigen Ereignis in Sarajevo der Erste Weltkrieg entzünden konnte, ist ein Zeichen dafür, dass in Südosteuropa bestimmte Kräfteverschiebungen genauso wirksam waren wie in den anderen TeilenEuropas.
Als 1928 im Parlament des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen ein serbischmontenegrinischer Nationalist tödliche Schüsse auf die kroatischen Delegierten abfeuerte, gehörten diese zu den ersten Vorzeichen eines neuen europäischen Unheils, die sich nur noch verstärkten, als kroatische und mazedonische Faschisten 1934 im Hafen von Marseille den serbischen (inzwischen jugoslawischen) König ermordeten. Der Idee einer homogenen staatstragenden Nation standen die Ideen der Selbstbestimmung kleinerer Völker bzw. der Überwindung jeder Nationalität im Namen der Solidarität der Klassen gegenüber; dem Erstarken des Militärs und des Staatsapparats standen Rufe nach mehr sozialer und individueller Gerechtigkeit entgegen. Diverse biologistische, aggressivmodernistische, militaristische und umstürzlerische Vorstellungen begleiteten diese Ideen. Auch dieses Wirrwarr aus Mythen, Vorurteilen, Bestrebungen, Plänen und mehr oder weniger dringenden Anliegen der politischen und zivilgesellschaftlichen Akteure aus dem Süden Europas waren nicht so ungewöhnlich und entsprachen jenen im restlichen Europa.
Die verächtliche Bezeichnung des Balkans als ewiges Pulverfass ist deshalb unserer Meinung nach eine Projektion. Die Balkanregion ist eigentlich eine durch und durch europäische Region, mit dem restlichen Europa untrennbar verbunden. Sogar die Kriege im ehemaligen Jugoslawien der Neunziger – im Zuge des Zusammenbruchs des Sozialismus ausgelöst – lagen nicht derart außerhalb des europäischen geistigen Horizonts, wie man sie gemeinhin darstellt. Aufgebaut auf bestimmten – schon wieder allgemein europäischen – Widersprüchlichkeiten, war das Land besonders anfällig, als die großen Blöcke verschwanden und das Korsett der sozialistischen Staatsordnung entfiel. Auch der Gedanke, dass vermeintlich „reine“ Nationen bzw. Staatsgebilde, in denen alle Vertreter eines Volkes zusammenleben, einzig mögliche Träger einer stabilen staatlichen Ordnung sein können, ist ein gefährlicher und anachronistischer, aber durchaus europäischer Gedanke. Dieser schien in den Neunzigern im restlichen Europa zwar tatsächlich überwunden zu sein, doch in den letzten Jahren stellt man sich zunehmend die Frage, ob hier nicht der Schein trog. Die Geschehnisse in den Neunzigern auf dem Balkan wirken angesichts der aktuellen Stärkung xenophober Tendenzen in vielen Teilen Europas nicht mehr so exklusiv.
Doch es gibt auch positive Botschaften aus dem Süden Europas, und unsere Zeitung ist nicht die einzige davon. Es ist eine Binsenweisheit, dass nur Konzerne und Wirtschaftsmonopole ausdrücklich übernational sind: Auch sie werden von den mächtigsten Nationen Europas bestimmt. Die Dominanz dieser globalen wirtschaftlichen Kräfte hat sich vor allem in den postsozialistischen Gesellschaften als verheerend gezeigt, da dort die korrupten Eliten sehr wenig für den Schutz der heimischen Produktion unternahmen und ihre Länder sehr schnell in Kolonien eines neuen Typus umwandelten. Diese Eliten verschanzten sich hinter dem Nationalismus und schürten Ängste und Missverständnisse, während sie sich gleichzeitig maßlos bereicherten.
Die Unhaltbarkeit eines nationalistischen Denkens angesichts der sozialen Probleme, die unter einer derartigen Dominanz entstehen, wurde in den letzten Wochen ausgerechnet in Bosnien und Herzegowina wieder deutlich. In dem Land, in dem vor hundert Jahren Thronfolger Ferdinand erschossen wurde und das durch ein ethnisch definiertes Friedensabkommen seit zwanzig Jahren zwar befriedet, aber vollständig gelähmt ist, regen sich nun lautstark Stimmen, die diese unmögliche Situation ändern wollen. Die Bürgerinnen und Bürger des vom Krieg schwer traumatisierten Landes haben den Mut aufgebracht, sich gegen die eigenen Eliten zu wehren, die sich unter dem Deckmantel des Interessensschutzes der jeweiligen Ethnie bereichert haben, ohne irgendetwas für die wirtschaftliche Perspektive des gesamten Landes und das Wohl aller Bürger zu tun. Dass sie nicht darauf warten, dass EU oder UN eine rettende Entscheidung über ihre Köpfe hinweg treffen, sondern das Schicksal selbst in die Hand nehmen, direkte Demokratie in Form von Plenen umsetzen, sich über soziale Netzwerke verständigen und in Kategorien jenseits der veralteten nationalistischen Staatsentwürfe denken, all das kann einem naiv und zum Scheitern verurteilt vorkommen.
Aber warum nicht hoffen, dass hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajevo aus dieser Stadt ein ganz neues Signal kommen kann: dass eine friedliche Welt möglich ist, dass zwischen Menschen, die zufällig aus verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften stammen, eine produktive Zusammenarbeit sowie Toleranz und gegenseitiger Respekt möglich sind – und dass die Allianz zwischen einheimischen und ausländischen Profiteuren entlarvt werden muss, damit es zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen, der Arbeit und der Gewinne kommt? Zumindest in unserer Zeitung ist es möglich, dass der Text des Enkels von Ivan Kranjčević, einem Mitglied der Verschwörergruppe aus Sarajevo, die 1914 das Attentat verübt hat, neben dem eines Verwandten der ermordeten Sophie Gräfin Chotek von Chotkowa und Wognin, Herzogin von Hohenberg veröffentlicht wird. Und dass Texte serbischer, kroatischer, bosniakischer (bosnisch-muslimischer), montenegrinischer, slowenischer, mazedonischer und kosovarischer AutorInnen neben welchen aus Österreich und Ungarn stehen, wobei nicht die Herkunft der Autoren, sondern nur ihre Phantasie und ihre Gedanken zählen.
 
 
 
Alida Bremer
Geboren 1959 in Split / Kroatien. Literarische Übersetzungen aus dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen. Freie Mitarbeiterin der S. Fischer Stiftung (Projekt TRADUKI). In ihrem Roman Olivas Garten (Eichborn Verlag 2013) beschreibt sie das Leben von fünf Frauengenerationen ihrer Familie, wobei ein Panorama der kroatischen Geschichte der letzten hundert Jahre entsteht.

 

Berichte

Museum der zerbrochenen Beziehungen

Ein Museum in Zagreb zeigt, was von der Liebe übrig blieb.

Berichte

Lumbarda: Ein modernes Reiseziel mit antiken Wurzeln

Nur wenige Kilometer von der Stadt Korčula entfernt, am östlichen Ufer der gleichnamigen Insel, liegt das Dorf Lumbarda. Vor mehr als zweitausend Jahren war Lumbarda eine Gemeinde der griechischen Kolonie der Insel Vis.
Im Jahr 1877 entdeckten Archäologen in Lumbarda eine antike Steinschnitzerei, das als Lumbarda-Psephisma bekannt wurde.

Rezensionen

Miroslav Krležas Werk im lichte der Französischen Kritik

Bisher wurden sechs Werke Miroslav Krležas ins Französische übersetzt, und zwar: „Beisetzung in Theresienburg“ (Novellen, Edition de Minuit, in der Übersetzung von Antun Polanšćak mit einem Vorwort von Léon Pierre Quint, Paris 1956), „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ (Roman, herausgegeben von Calman, Lévy, in der Übersetzung von Mila Đorđević und Clara Malraux, Paris 1957), „Das Bankett von Blitwien“ (Roman, herausgegeben von Calman-Lévy, in der Übersetzung von Mauricette Beguitch, Paris 1964). „Ohne mich“ (Roman, Edition De Seuil, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1969), „Der kroatische Gott Mars“ (Novellen, herausgegeben von Calman-Lévy, übersetzt von Janine Matillon und Antun Polansćak, Paris 1971). „Die Balladen des Petrica Kerempuch“ (Edition Presse Orientales de France, übersetzt von Janine Matillon, Paris 1975).
Sie alle haben eine warme Aufnahme gefunden. Wir bringen hier einige Auszüge aus Rezensionen (Maurice Nadeau, Léon Pierre Quint, Claude Roy, Marcel Schneider und andere), die das Werk Krležas auf jeweils verschiedene Art und Weise beleuchten.
Maurice Nadeau widmet (u. d. T. „Ein großer jugoslavischer Schriftsteller“) im „France Observateur“ vom 20. Juni 1956 eine ganze Seite dem Erscheinen der Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“. Daraus einige charakteristische Passagen: Für viele wird die Novellensammlung „Beisetzung in Theresienburg“ zu einer wirklichen Offenbarung werden...

Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

Berichte

Das Bild der Deutschen in der neuen kroatischen Literatur

Modernisierer, Kollaborateure, Faschisten: Die Geschichte und die Wahrnehmung der Balkandeutschen ist vielfältig und bis heute mit Tabus belegt. In den letzten Jahren sind sie jedoch zum Thema der kroatischen Literatur geworden.

Von Martin Sander und Ksenija Cvetković-Sander / Deutschlandfunk kultur

Berichte

Was willst du in Senj, Thilo?

"Und du willst nach Senj, Thilo?“

Ja. Ich wollte trotz des touristischen Überangebot Kroatiens jene Stadt sehen, in die der von den Nazis verfolgte Kurt Held und seine Frau Lisa Tetzner 1940 kamen und Inspiration zum Verfassen der „Roten Zora“ erhielten.

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