Essay

Emir Imamović Pirke: Ergänzungen zur Biographie Franz Ferdinands

BETON INTERNATIONAL

Spezialthema: Was bedeutet das Attentat von Sarajevo für Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa im Jahr 2014?



Von Doktor Z. konnte man zumindest bis zum Jahr 2001 nicht behaupten, er hätte mehr Glück als Verstand. Von beidem hatte er nämlich eigentlich mehr als die meisten. Ab 2001 waren jedoch seine wenigen und nicht allzu engen Freunde – eher würde man von guten Bekannten sprechen – steif und fest davon überzeugt, dass ihn zuerst das Glück und später auch der Verstand allmählich im Stich ließen. Es war in diesem Jahr, dass die angesehene Schweizer Historikerin Eva Zulfikarpašić auf der Rückreise von einer Fachtagung über das „Junge Bosnien“ in Wien bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, was das Leben von Doktor Z. vollkommen veränderte. Nein, der hochgeschätzte Genetiker bosnisch-herzegowinischer Herkunft Dr. Mirza Zulfikarpašić gab sich nicht etwa dem Alkohol hin, er wachte nicht tagelang am Grab seiner Gattin, er verwandelte ihr gemeinsames luxuriöses Heim nicht in ein Mausoleum, und er ließ sich auch nicht gehen. Eigentlich blieb scheinbar alles beim Alten, außer dass er seine Arbeitsstelle kündigte: An Werktagen stand er um sechs Uhr morgens auf, lief fünf Kilometer, aß ein weichgekochtes Ei zum Frühstück und trank dazu einen frischgepressten Saft, las Le Monde, duschte morgens und abends, rasierte sich einmal täglich, schnitt alle fünf Tage seine Nägel und ging alle fünfzehn Tage zum Friseur. Das Haus verließ er immer tadellos gekleidet und wichtige Theatervorstellungen ließ er nicht aus. Einen Tag, nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte, warf er alle Aschenbecher, die seine nunmehr tote Frau mit der Asche selbstgedrehter Zigaretten der Marke „Drum“ zu füllen pflegte, kurzerhand in den Müll.

Als Spross zweier angesehener bosnischer Familien namens Kreševljaković und Zulfikarpašić war Mirza, damals Kreševljaković nach seinem Vater, mit Privatlehrern für Geige, Deutsch und Französisch, einer Gouvernante und einem Tennistrainer aufgewachsen. Mit sieben besaß er eine eigene Kinderbibliothek, die fast hundert Titel umfasste. Zum ersten Schultag wurde er mit einer Jahreskarte des Volkstheaters in Sarajevo belohnt. Schon damals wusste er, dass im Gebäude des Volkstheaters zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie das Gemeindezentrum untergebracht war. Mit zehn konnte er problemlos auf Deutsch lesen, mit zwölf reiste er zum ersten Mal nach Zürich, und mit vierzehn ließ er alle wissen, dass er nicht vorhabe, wie sein Vater Wasserkraftwerke im Irak und Militärstützpunkte in Libyen zu planen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen, sondern dass er wie seine Mutter den Arztberuf ergreifen wolle. Der Cousin seiner Mutter – Fadil Zulfikarpašić, ein Millionär und Emigrant mit Schweizer Staatsbürgerschaft – ermöglichte Mirza eine Ausbildung in seiner neuen Heimat, und so wurde Mirza gleich nach seinem Abitur zum Medizinstudenten und erhielt eine Wohnung und eine beträchtliche Summe Geldes zur Deckung seiner laufenden Kosten zur Verfügung gestellt. Allerdings waren zwei Bedingungen daran geknüpft: Er musste einen hervorragenden Studienerfolg vorweisen, und er musste seinen Nachnamen ändern. So wurde aus Mirza Kreševljaković zunächst Mirza Zulfikarpašić und einige Jahre später Doktor Z. Den neuen Nachnamen konnten die Kollegen genauso wenig aussprechen wie den alten, mit Ausnahme von Doktor Miha Zenić, der aus Šibenik stammte und dessen Tochter Eva nach ihrer Hochzeit am Genfer See am 9. Mai 1993 ebenfalls den Nachnamen Zulfikarpašić annahm.

Nachdem die Eheleute in ihrer Hochzeitsnacht mehrere Orgasmen gehabt hatten – Mirza drei und Eva zwei – , sahen die beiden gemeinsam auf CNN, wie die Alte Brücke in Mostar zerstört wurde, und beschlossen daraufhin, keine Nachrichten aus ihren Heimatländern mehr zu verfolgen: seine bosnisch-muslimische und ihre kroatisch-katholische Herkunft hätten ihre Meinungen über den muslimisch-kroatischen Konflikt in Bosnien und Herzegowina definieren und, so dachten sie, ihre Beziehung belasten können. „Was wir aus der Geschichte lernen können, ist, dass niemand aus der Geschichte lernt“, zitierte Eva am Ende ihres ersten und einzigen Gesprächs über den Krieg Bismarck.

Also widmete sich Mirza seiner Arbeit und Eva der ihren. Sie beschlossen, keine Kinder zu bekommen, und hatten so genügend Zeit, sich weiterzubilden, und genügend Raum, um beim Abendessen über das Klonen oder die Geschichte zu sprechen, insbesondere über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, ein Thema, von dem Eva fasziniert war.

 „Weißt du, mein Schatz“, sagte sie einmal zu ihm, „es wäre großartig, die Akteure jener Ereignisse in unserer Gegenwart zu treffen. Aber ich meine nicht die Könige und die Minister, die Generäle und so weiter, sondern Menschen wie Gavrilo Princip.“

 „Warum denn, mein Schatz?“, fragte Mirza und nahm einen Schluck vom australischen Wein.

 „Weißt du, mein Schatz, Gavrilo Princip war achtzehn Jahre alt, als er neunzehnhundertvierzehn Franz Ferdinand tötete. Das heißt, bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr war er ein kränklicher Bauer aus irgendeinem Kaff. Dann verließ er seine Familie, formte seine politischen Einstellungen und bereitete sich praktisch auf das Ende seines Lebens vor“, antwortete Eva.

 „Ich verstehe nicht, mein Schatz … Die Welt war damals noch einfacher“, sagte Mirza.

 „Ja, eben, mein Schatz“, fuhr Eva fort. „Weißt du, Princip war nicht irgendein Idiot. Dumm war er jedenfalls nicht. Stell dir mal vor, was jemand täte, der eine so klar ausformulierte Meinung von seiner damaligen Welt hatte, wenn er nur knappe achtzig Jahre später mit der heutigen Welt konfrontiert würde?“

 „Na ja, mein Schatz, er wäre halt mit dem Krieg konfrontiert, und dabei setzte er sich doch, wenn ich mich recht erinnere, für eine Vereinigung auf dem Balkan ein, Bosnien mit Serbien, irgend so etwas, und gerade die führen ja heute Krieg …“, sagte Mirza.

 „Dieser Krieg wird doch auch irgendwann vorbei sein, mein Schatz“, antwortete Eva.

 „Denkst du?“, fragte Mirza und schaute sie so an, dass sie spürte, wie ihre Brustwarzen steif wurden.

In dieser Nacht liebten sie sich auf der Couch und tranken in den Pausen einen Shiraz Cabernet Malbec. Es war Freitag, am nächsten Tag konnten sie ausschlafen. Am Wochenende ließ Mirza sein Lauftraining ausfallen. Eva ging sowieso nie laufen.

Über das Ansehen, das Eva unter Historikern genoss, wusste Fadil Zulfikarpašić nicht alles, aber jedenfalls genug: Er selbst war ebenfalls von Geschichte fasziniert. Als Begründer eines Balkaninstituts hörte er von seinen Freunden, hochgeschätzten Historikern vom Balkan und aus Europa, viel über Eva. Doktor Zenić erzählte ihm eines Abends bei einer Tasse Tee von Mirza und davon, was über ihn gesprochen wurde. Dies reichte aus, um den reichen bosnischen Emigranten von mysteriöser Herkunft zu veranlassen, seinem jungen Neffen eine Geldsumme zu überweisen, die es ihm ermöglichen sollte, sich noch intensiver seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen und keine Zeit mehr auf Dinge zu verschwenden, mit denen er die Erwartungen seiner Bewunderer nicht erfüllen würde, die über die Kenntnisse und Talente des jungen Kollegen mit dem schwer auszusprechenden Nachnamen staunten.

Das Geld, von dem gemunkelt wurde, es stamme aus dem Waffenhandel, kam auch Eva zugute. Es erleichterte ihr, Studienreisen zu unternehmen, Forschungen zu betreiben und an diverse Dokumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg heranzukommen. Indessen veröffentlichte Mirza seine Arbeiten in wichtigen Fachzeitschriften, besuchte Kliniken, hielt Vorlesungen ab und arbeitete mit den allerbesten Spezialisten der Welt zusammen. Mit einigen von ihnen präsentierte er schon 1997 der ganzen Welt Dolly, das erste geklonte Schaf, und gemeinsam mit anderen plante er für 2001 den Versuch, einen Menschen zu klonen.

Am Freitag, den 8. März 2001, sollte Eva aus Wien zurückkehren. Mirza hatte einen Flug für Sonntag, den zehnten, gebucht. Zum Frauentag hatte er ihr eine Halskette besorgt und dazu einen Ratgeber, der ihr dabei helfen sollte, mit dem Rauchen aufzuhören. Ein Telefonanruf unterbrach seinen Lesenachmittag: Man informierte ihn, dass Eva bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Sie hatte die Kontrolle über ihr Auto verloren, weil sie ihr Feuerzeug gesucht hatte.

Doktor Zenić beschloss, seine Tochter einäschern zu lassen. Einen Teil von Evas Asche bewahrte Mirza fortan in der Schachtel auf, in der sie ihm ihr erstes Geschenk überreicht hatte. Der Rest wurde zum Grab der Familie Zenić auf dem Friedhof der Heiligen Anna in Šibenik gebracht. Mirza kam nicht zur Trauerfeier, was überall auf Unverständnis stieß. Er saß an diesem Tag am Esstisch, an dem Platz, wo üblicherweise Eva gesessen war, und dachte lange über einen Wunsch nach, den er Eva erfüllen wollte.

Doktor Z. war geradezu besessen von der Idee eines Gavrilo Princip im einundzwanzigsten Jahrhundert. Den Verstand hatte er allerdings nicht verloren. Der hochgeschätzte Genetiker spielte nicht etwa mit dem Gedanken, Princip zu klonen. Abgesehen davon, dass er sich über die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens im Klaren war, widersetzte er sich auch jedem Versuch, Menschen zu klonen, mit aller Kraft. In die USA hatte er nämlich nur reisen wollen, um sich am Misserfolg jener Kollegen zu ergötzen, die ihm übertriebene Skepsis vorgeworfen hatten. Mirzas Plan war ein ganz anderer. Er beschloss, ein Neugeborenes zu finden und zu adoptieren oder zu kaufen oder was auch immer, und dieses Kind unter genau den gleichen Bedingungen aufzuziehen, unter denen auch Princip aufgewachsen war. Er wollte das Kind von der Wirklichkeit abschirmen und seine Ansichten auf genau jener Grundlage formen, auf der damals der Sohn eines Postangestellten zum Mörder des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie geworden war. Dazu benötigte Doktor Z. Zeit und Raum – Geld hatte er genug, und sollte er mehr brauchen, könnte er jederzeit eine Immobilie verkaufen, die er von seinem reichen Onkel geschenkt bekommen hatte.

Mirza Zulfikarpašić änderte wieder seinen Nachnamen: Genau genommen holte er einfach den väterlichen Nachnamen zurück und schrieb sich als Kreševljaković für das Geschichtsstudium ein, das seine verstorbene Frau abgeschlossen hatte. Er wusste alles über Eva, kannte jeden wichtigen Augenblick ihres Lebens, von den ersten Erinnerungen bis zur verfluchten Nikotinsucht. Nach zwölf Jahren des Studiums, des Lernens und Forschens in Bibliotheken und Archiven, als Mirza mühevoll alle wichtigen Informationen über das „Junge Bosnien“ und seine Mitglieder zusammengetragen hatte, stand sein einschlägiges Wissen dem Evas um nichts nach. Der angesehene Doktor Z. mit seiner brillanten Karriere als Genetiker, der von den besten Kliniken und Instituten eingeladen wurde, der in den besten Fachzeitschriften publizierte und dessen Zukunftsaussichten in der Kollegenschaft Neid hervorriefen, hörte für immer auf zu existieren.

Der Schweizer Staatsbürger Mirza Kreševljaković passierte problemlos die Passkontrolle am Flughafen von Sarajevo und nahm ein Taxi zum Hotel Europa. Das Grab des Vaters und die Mutter im Altersheim wollte er erst aufsuchen, nachdem er das, weshalb er gekommen war, erledigt hatte: ein Baugrundstück erwerben, weit weg von der Zivilisation und groß genug, um darauf eine Welt für seinen Gavrilo zu erschaffen. In seinem Zimmer im fünften Stock blätterte der einstige Doktor Z. im Telefonbuch und fand darin drei Familien mit dem Nachnamen Princip. Er rief die erste Telefonnummer an: Eine metallische Frauenstimme sagte ihm, dass die gewählte Telefonnummer nicht existierte. Die andere Telefonnummer funktionierte. Mirza ließ es lange läuten. Schließlich meldete sich ein alter Mann mit einer Piepsstimme. Mirza legte einfach auf. Die Telefonnummer 033455939 gehörte dem fünfunddreißigjährigen Braco Princip, von dem Mirza noch am selben Abend erfahren sollte, dass es sich bei ihm um einen Bergwerkstechniker handelte, der derzeit als Chauffeur für das Türkische Kulturzentrum „Yunus Emre“ tätig war. Die beiden verabredeten sich genau dort, wo Gavrilo Princip auf den Thronfolger geschossen hatte. Braco hatte sich zu dem Treffen bereit erklärt, weil er eine Aufwandsentschädigung in Höhe von hundert Euro erhalten sollte.

 „Ich bin Mirza“, sagte der ehemalige Doktor Z. und streckte dem hochgewachsenen, kahlköpfigen Mann im weißen T-Shirt mit dem Zeichen der Hypo Alpe Adria Bank und einem blauen Nilpferd seine Hand hin.

 „Braco“, antwortete Princip. Sein Lächeln war breit genug, um zu offenbaren, dass ihm der vierte Zahn links oben fehlte.

 „Ein ungewöhnlicher Name“, sagte Mirza.

 „Kein Name, es ist ein Spitzname“, erklärte Braco.

 „Wie lautet denn dein Name?“, fragte Mirza.

Auf die Antwort musste er etwa fünfzehn Sekunden warten, und dann sprach Braco genau in dem Augenblick, als eine Straßenbahn mit einer Werbung des ungarischen Mineralölkonzerns MOL an ihnen vorbeifuhr. Mirza musste seinen Gesprächspartner bitten, die Antwort zu wiederholen.

 „Gavrilo“, sagte Braco leise.

 „Gavrilo Princip?“, fragte Mirza erstaunt.

 „Ja“, murmelte Braco.

 „Aber das ist doch …“, Mirza konnte seine Begeisterung kaum verhehlen.

 „Das ist furchtbar, Bruder“, entgegnete Gavrilo Braco Princip.

Hätte Mirza Kreševljaković an diesem Abend im Restaurant „Dom“ nicht eine Rechnung von hundertfünfzig bosnischen Mark oder fünfundsiebzig Euro bezahlt, hätte er einige hunderttausend Euro verloren – und zwar im besten Fall. Braco erzählte ihm, dass die jugoslawischen Polizisten ihm regelmäßig Ohrfeigen verpasst hätten, wenn er seinen Namen gesagt habe, ohne seinen Ausweis zu zeigen, weil sie überzeugt gewesen seien, dass er sie nur provozieren wolle. Er erzählte aber auch, nur seinem Nachnamen habe er wenigstens das bisschen Schulbildung zu verdanken; er habe es nämlich gehasst, zu lernen. Dann erzählte er, sie hätten im letzten Krieg wegen seiner Mutter vor den Serben fliehen müssen, die Moslems hätten ihn aber wegen seines Namens verachtetet. Jetzt kam Mirza nicht mehr mit, also erklärte ihm Braco, dass seine Mutter Muslimin sei und dass sie ihretwegen nicht im Stadtteil Grbavica hätten bleiben können, der von der serbischen Armee kontrolliert worden sei. Nachdem es ihnen dank ihres Schmucks und des guten Ansehens seines Vaters irgendwie gelungen sei, die Miljacka zu überqueren, sei er von der bosnisch-herzegowinischen Militärpolizei verhaftet und zusammengeschlagen worden, nur weil er so hieß wie der, wie sie sagten, „Terrorist, der den österreichischen Herrn und seine feine, schwangere Frau umgebracht hat“. Er fügte hinzu, dass man ihn sogar an die Front geschickt hätte, wenn er nicht an Tuberkulose erkrankt wäre.

 „Aber Princip war doch ein Idealist, er kämpfte gegen die Besatzer“, sagte Mirza.

 „Ach geh, er war ein Idiot. Ein richtiger Idiot. Gestorben mit knapp über zwanzig und nur vierzig Kilo, für nichts, so wie jeder andere Idiot, der denkt, er könnte etwas verändern“, antwortete Braco darauf.

 „Er kämpfte für die Freiheit“, wandte Mirza ein, bereit, sein Wissen zu demonstrieren.

 „Na, das ist ihm ja bestens gelungen, alle Achtung“, sagte Braco, bestellte sich ein Bier und gab weiter zum Besten, was er von seinem Namensvetter, der in einem tschechischen Gefängnis gestorben war, hielt.

Mirza und Braco gingen spät auseinander, etwa um halb drei Uhr nachts. Braco wollte die versprochenen hundert Euro nicht annehmen. Auf einem A4-Blatt mit dem Namen des Hotels, darüber einer Krone und darunter der Zahl 130, schrieb Mirza einen Brief an Eva. Nachdem er mit „für immer Dein Mirza“ unterzeichnet hatte, machte er das Fenster auf, faltete einen Papierflieger und ließ ihn aus dem Hotel Europa segeln, hin zum Minarett der Begova-Moschee.

 „Mein Schatz, ich habe Gavrilo Princip im einundzwanzigsten Jahrhundert getroffen. Er ist Angestellter eines türkischen Kulturzentrums, Kunde einer österreichischen Bank und Konsument einer ungarischen Tankstelle. In Belgrad war er nur einmal, in Titos Mausoleum ‚Haus der Blumen‘, im Alter von sieben Jahren. Ich schreibe Dir aus Sarajevo, aus dem Zimmer eines Hotels, in dem auch ein Wiener Kaffeehaus untergebracht ist und das, wie Du bestimmt weißt, Ende des neunzehnten Jahrhunderts von Gligorije Jeftanović erbaut wurde, einem serbischen Politiker aus Bosnien. Meine Liebste, Du hast mir immer gesagt, dass Du von Genetik keine Ahnung hast. Ich dagegen bin nicht sicher, ob irgendjemand in der Lage ist, die Geschichte dieses Landes zu verstehen. Hier ist eigentlich auch die Gegenwart nichts anderes als Geschichte. Mein Schatz, ich habe sehr lange …“ Das war zu lesen auf dem, was von Mirzas Brief an Eva übriggeblieben war. Der Rest des Textes war unleserlich: Der Papierflieger war nämlich in einer Pfütze gelandet. Nur ein Teil war unerklärlicherweise trocken geblieben.

Mirza Kreševljaković ging nicht zum Grab seines Vaters, und auch seine Mutter im Altersheim besuchte er nicht. Er kehrte für kurze Zeit in die Schweiz zurück und tat et-was, was seinen wenigen und nicht allzu engen Freunden – eher würde man von guten Bekannten sprechen – endgültig den Beweis dafür lieferte, dass er nun für immer den Verstand verloren hatte. Schon wieder ließ er seinen Nachnamen ändern, aber diesmal änderte er noch dazu den Vornamen: Er nannte sich Franz Ferdinand. Nur Miha Zenić stellte ihm die Frage: „Warum denn, um Himmels willen?“ Fadil Zulfikarpašić war schon tot, und der Rest von Mirzas Schweizer Familie kämpfte vor Gericht um das Erbe. „Was wir aus der Geschichte lernen können, ist, dass niemand aus der Geschichte lernt, sagte Otto von Bismarck“, antwortete Mirza Evas Vater und fragte ihn, ob er möglicherweise jemanden kenne, dem er das Haus verkaufen könnte.

Mirza Kreševljaković, Mirza Zulfikarpašić, Mirza Kreševljaković, also Franz Ferdinand, ist heute der Besitzer des Restaurants „Young Bosnia“ in New York. Noch immer steht er jeden Morgen um sechs Uhr auf, läuft jeden Tag fünf Kilometer, isst zum Frühstück ein weichgekochtes Ei und trinkt dazu einen frischgepressten Saft, duscht morgens und abends, rasiert sich einmal täglich, schneidet alle fünf Tage seine Nägel und geht alle fünfzehn Tage zum Friseur. Das Haus verlässt er immer tadellos gekleidet. Er plant, am 28. Juni 2014 nach Sarajevo zu fahren. Gavrilo Princip hat ihn an diesem Tag zu seiner Hochzeit eingeladen.

 

Aus dem Bosnischen von

Mascha Dabić

 

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EMIR IMAMOVIĆ PIRKE

Geboren 1973 in Tuzla, Bosnien-Herzegowina. Journalist (Gracija, BBC, ORF, RAI, Radio B92, Dani) und Drehbuchautor der quotenstärksten kroatischen TV-Soap. Als Kriegsreporter im Kosovo, in Mazedonien und Afghanistan. Autor mehrerer Romane voller schwarzen Humors. 

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Der Text ist ursprünglich in der Literaturzeitschrift Most/The Bridge (Heft 3-4, 1979) erschienen.

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